„Der Untergang“

Samstag 20.15 Uhr ARD wieder einmal flimmerte das geschichtsrevisionistische Werk „Der Untergang“ von Eichinger über die Bildschirme.
Anlass für uns, etwas näher über den Film „Der Untergang“ und seinem Wirken, mit einem Text von Michael Klundt aufzuklären. Geworben wurde unter anderem für den Film so: „1945. Ein Volk wartet auf seinen Untergang.“

Der „Untergang“

Mystifizierung und Personalisierung statt Aufklärung

Anknüpfend an Guido Knopp, Jörg Friedrich und andere, die systematisch die nazistische Vorgeschichte bei ihren Berichten über den Bombenkrieg gegen NS-Deutschland, die Vertreibung Deutscher Kollaborateure aus Osteuropa und die Kriegsgefangenschaft deutscher Nazi-Soldaten in der Sowjetunion ausblendeten, handelt nun der Eichinger-Film allein vom Ende der NS-Führung in den letzten Kriegstagen Berlins.

Jetzt soll sogar aus den letzten Hirngespinsten und Handlungen Hitlers und seiner Paladine die Essenz des „Dritten Reiches“ herausdestillisiert werden. Doch dies führt zwangsläufig zur Freisprechung nicht nur des ganzen deutschen Volkes, sondern auch der verschiedensten Nazi-Helfer im Umkreis Hitlers (wie Speer oder die Sekretärin Traudl Junge). Es ist eine grenzenlose Verlogenheit, wenn die Sekretärin Adolf Hitlers, welche mit einem SS-Mann verheiratet war(was der Film verschweigt), aber von nichts gewusst haben will über NS-Ideologie und -Verbrechen, im Film große Augen bekommt, weil der geliebte Führer ihr in seinem politischen Testament die „Ausrottung des Weltjudentum“ diktiert, so als hätte sie davon nie etwas gehört. Zukünftige Generationen werden nun „wissen“, dass der „Führer“ unter Blähungen litt und seinen geliebten Hund vergiftete, so, wie Frau Goebbels ihre Kinder. Es wird dann bekannt sein, wie schrecklich die letzten Tage im Führerbunker zu Berlin waren, dass 1945 ein „Untergang“, eine „Katastrophe“, eine „Tragödie“ oder zumindest „der Zusammenbruch“ war, nicht jedoch die Befreiung der Menschheit und damit auch der Deutschen von der verbrecherischen NS-Herrschaft.
Wie der Sozialpsychologe Harald Welzer festhält, stellt „Der Untergang“ nicht nur deshalb einen paradigmatischen Film dar, weil er den Anspruch erhebt noch wirklicher als die Wirklichkeit zu sein, sondern auch, weil er eben nur das Ende einer Geschichte erzählt, ganz wie es die mediale Geschichtsdiditaktik von Guido Knopp über Günther Grass bis Jörg Friedrich vorbereitet hat. Demnach ist es wenig verwunderlich, wen die „Junge Freiheit“(JF) angesichts der neuen geschichtspolitischen Tendenzen triumphiert und einen „Gezeitenwechsel“ diagnostiziert, welcher für sie „Horizonte öffnet“. Der Zuschauerrekord sei ein „Plebiszit“ „gegen eine Vergangenheitsbewältigung, die von der Täter-Opfer-Pauschalisierung lebt. Ohne ein großes Kunstwerk zu sein, ist der Film vorbildlich, weil er den Mobilisierungs- und Rechtfertigungsdruck abschmettert (…)“. Nun ist auch der „Führer“ nur ein Getriebener, Albert Speer ein freundlicher Sunnyboy und der SS-Militärarzt Dr. Schenk, dessen Menschenversuche und Massenmorde durch Experimente im KZ Mauthausen, bei denen etliche KZ-Häftlinge starben, im Film aber ausgelassen werden, gerät zum Identifikationsobjekt für den Zuschauer. Laut dem JF-Autoren Thorsten Hinz (JF Nr.45, 29.10.2004) gibt es wichtiger Figuren im Film als den „bitterbösen Hitler oder den perfiden Goebbels. Beispielsweise den Militärarzt Dr. Schenk, der die Wahl hat, das von der Roten Armee fast eingeschlossene Berlin in Richtung Westen zu verlassen, der sich aber lieber um Verwundete kümmert.“ Suggestiv fragt er: „Macht ihn das etwa zum Vollstrecker Hitlers?“ und beantwortet seine Frage sofort mit einer Heldeneloge auf den Nazi-Arzt, was aber auch ein besonderes Licht auf die identifikative Darstellung des Films wirft: „Unwillkürlich ertappt der Zuschauer sich bei dem Gedanken, dass dieser Mann menschlich wertvoller ist als so mancher Maulheld unserer Tage“, womit der Autor offenbar keinen Hehl aus seiner Identifizierung mit dem Massenmörder macht.
Hinz erläutert die neue geschichtspolitische Situation so: „Der Erfolg des „Untergang“ summiert sich mit den Diskussionen um das Zentrum gegen Vertreibungen, um Denkmäler, Gedenktage und den Bombenkrieg zu der Frage, ob dieses Land noch imstande ist, geistige Souveränität zu gewinnen.“
In Deutschland seien nämlich die Zeiten vorbei, „in denen die Selbstbezichtigung einen subtilen Genuß bereiteten, denn der Wohlstand, der die Grundlage für den moralischen Hedonismus bildete, geht gerade perdu.“ Somit scheint für den neurechten Ideologen die Zeit der Distanzierung von NS-Verbrechen mit dem Film „Der Untergang“ und den verschiedene geschichtspolitischen Begleiterscheinungen im Zeitalter sozioökonomischer Krisen beendet zu sein.
Indessen sind auch die verheerenden psychischen Folgen des Films „Der Untergang“ nachweisbar. Dieser greift nicht nur – aus der Mitläuferperspektive – auf medienpsychologische Funktionsweisen der Dekontextualisierung zurück und bedient damit psychodynamische Abwehrmechanismen wie Abspaltung und Verleugnung, sondern setzt ebenso auf Mitleidseffekte und eine vorbewusste Mythisierung der Nazi-Eliten. Die Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psycholog(inn)en hält nach ihren Analysen die Empfehlung einiger Politiker für psychologisch verantwortungslos, den Film an Schulen massenhaft und unkritisch als Unterrichtsmaterial einzusetzen.
Da nun endlich die Parole „Deutschland, einig Opferland“ eine kulturelle Hegemonie in der Republik genießt, findet auch die nachträgliche (Selbst-)Inszenierung von Massenmördern und Mitläufern zu Identifikationsobjekten des „guten Deutschen“ kaum Widerspruch. Dies kann auch weiterhin (Anm. AAWE) als neue Form deutscher Geschichtsbehandlung in der „Berliner Republik“, gewissermaßen als Normalisierung durch Geschichtsrevisionismus verstanden werden.

Deutsche Täter_innen sind keine Opfer!
Geschichtsrevisionismus bekämpfen!