NAZIS WEGBASSEN AM 30.05.2008 – 15 UHR CHEMNITZ HAUPTBAHNHOF | 4/4 GEGEN 88 – SCHÖNER LEBEN OHNE NAZILÄDEN PT. III

Hier der Aufruf unserer Genoss_innen, zur Demo in Chemnitz:


///DIE WAHRE MITTELSTANDSMEILE

Wenn es überhaupt einen Mittelstand geben sollte, so sind das brave, stolze Deutsche, wie Tobias Schneider, der von seinem „Waffen-Army-Shoes“-Schmuddelwürfel gegenüber dem Hotel Kongress am 30. Mai 2008 in die „Filet-Lage“ der Straße der Nationen umzieht. Er vollzog mit dem Sortiment seines Ladens die gleichen Veränderungen, die sich in Chemnitz in den letzten zehn Jahren zeigten. Denn neben „Aufnäher mit Che Guevara, Buttons gegen den Faschismus und noch viel mehr für ‚Linke’“ gesellten sich heimlich, still und leise „White power“-Embleme und die beliebte Camouflage von „Thor Steinar“ in die Warenwelt des Ladens. Hier regieren wieder die Gesetze des freien Marktes: Wo die Nachfrage ist, da werden erst die Angebote geschaffen. Lediglich mit „linken“ Accessoires lässt sich kein Geld mehr verdienen. „Für mich als Kaufmann zählt nur legal oder illegal.“, schrieb er dazu einst als Reaktion an die alternative Stadtzeitung „FreibÄrger“.

///VIELE KLEINE „ACKERMÄNNER“?

Tobias Schneider ist der kleine, von Gewissensbissen (be)frei(t)e Geschäftsmann. Seine Verantwortung für die Gesellschaft tendiert ungefähr gegen null. Als Geschäftsmann braucht er sich darum auch keine Sorgen zu machen, denn in der ökonomischen Sphäre hat die Moral rein gar nichts zu suchen.
Doch was gesellschaftliche Normalität ist, nämlich die Handlungsweisen zur Gewinnmaximierung, stößt in seinem Falle besonders negativ auf. Sein Umgang mit verschiedensten und sich einander aufs krasseste ausschließenden Ideologien und Symboliken sowie der Verweis auf die eigene „Neutralität“ als „Kaufmann“ erscheinen einerseits dem lebensweltlich orientierten Menschen, für den jeweils rechte bzw. linke Symbole und Codes noch einen Inhalt besitzen, als paradox und irrational. Andererseits ist unter der Maßgabe der „Neutralität“ des „Kaufmanns“ alles möglich und im Sinne eines „laufenden“ Geschäfts damit auch rational.

///ODER DOCH EIN PROVOKATEUR?

Und er weiß, dass er mit der bereits einmal indizierten, mittlerweile jedoch wieder erlaubten Marke „Thor Steinar“ Treffer landen kann. Diese wird, im Gegensatz zu den fälschlicherweise als „Nazi-Marken“ gebrandmarkten „Lonsdale“, „Everlast“ oder „Alpha Industries“, tatsächlich von Neonazis kreiert, vertrieben und schließlich wieder gekauft. Während Marken wie „Fred Perry“ und „Lonsdale“ sich in öffentlichen Kampagnen von ihren „Nazikunden“ distanzieren, fühlt sich „Thor Steinar“ in jener Grauzone offensichtlich sauwohl und denkt überhaupt nicht daran, die offenkundigen Verstrickungen zu verleugnen. „Frühere Recherchen des Antifaschistischen Infoblattes (AIB) haben Mitarbeiter_innen der „Thor Steinar“ vertreibenden „Mediatex GmbH“ enge Kontakte zur deutschen und europäischen Neonaziszene nachgewiesen. Dass Einnahmen der „Mediatex GmbH“ in rechte und rechtsextreme Strukturen fließen, kann nicht ausgeschlossen werden.“ (Broschüre „Investigate Thor Steinar“)
Dieser verwegene Mythos der Marke „Thor Steinar“, ist ein Pfund, mit dem es sich zu wuchern lohnt. Und Schneider weiß, dass Geld nicht stinkt.

///ANGST VOR DEN „EXTREMISTEN VON LINKS UND RECHTS“

„Das zieht eine Szene an, die wir in der Stadt nicht haben wollen.“, lässt die Freie Presse vom 30. April 2008 den Chemnitzer Tourismusmanager Quast vieldeutig sagen und fügt kongenial an, dass in Leipzig vor wenigen Monaten 2000 Menschen gegen ein ähnliches Geschäft protestierten. Die Assoziationen haben also freien Lauf, wenn es darum geht, wer hier den „Imageschaden für die Innenstadt“ verursacht.
Auch die internationalen Händler, die den neuen Naziladen einrahmen, äußern ähnliche Bedenken: Sie wiederum haben Angst, die Opfer der durch Linke provozierten Rechten zu werden. Ein Tohuwabohu der durchgedrehten, enthemmten und irrationalen Extremisten, in dem der fleißige, arbeitende Ottonormalmensch und seine vor wenigen Jahren aufgehübschte Innenstadt nur die Leidtragenden sein können.

///NESTBESCHMUTZER RAUS!

Wenn Mensch diesem durch eine breite Öffentlichkeit getragenen Deutungsmuster folgt, so wird ersichtlich, dass die Naziläden nur umweghaft abgelehnt werden. Nämlich nicht als identitätsstiftende und -festigende Orte der Warenwelt für Rechtsextremisten und Neonazis, die sich dort mit „Herrenrasse“ und NSDAP-Schriftzügen ausstatten können, sondern als ruhestörende Unorte der Auseinandersetzung zwischen orts- und gesellschaftsfremden Extremisten, die die restliche immune – da demokratische – Gesellschaft nur belästigen können.
Oder anders ausgedrückt: Es gibt kein ernsthaftes gesellschaftliches Interesse an der Analyse der Verbreitung rechtsextremer Anschauungen im Sinne eines Fokus auf die „Mitte der Gesellschaft“, in der offenbar bei solcherart Pressemeldungen schon Einiges im Trüben liegt.

///RATEN SIE MAL:
DEUTSCHLANDS UMSATZSTÄRKSTER VERTRIEB VON „THOR STEINAR“
HAT SEINEN SITZ IN….?

Wenn alle Stricke reißen und die örtliche Öffentlichkeit nicht zur geringsten Analyse fähig ist, freuen wir uns auch über die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes: „Das umsatzstärkste rechtsradikale Geschäft Deutschlands befindet sich in Chemnitz.“, fühlte sich die Freie Presse im März angesichts der ansonsten gern heruntergespielten Brisanz des Inhalts verpflichtet, den Pressesprecher des Landesamtes zu zitieren. Warum bitte ist ausgerechnet die Stadt, die sonst nie „Spitze“ ist, der„Herrenreiter“ der Naziökonomie?
Diesmal ging es aber nicht um unseren Herrn Schneider, der wohl weiterhin Mittelklasse fahren muss, sondern um das „Rascal“ an der Limbacher Straße, das als bundesweit größter Vertrieb von „Thor Steinar“ gilt. Auch hier gilt die Harmonie des sich politisch gegenseitig Ausschließenden. Der Doppelladen „Chemden Town Market“ besteht aus dem „Rascal“ für Nazis und Skinheads (die nicht unbedingt „rechts“ sein müssen) und dem „Clash“ für „Linke“ und Punks. Das Geheimnis des unfassbaren Umsatzes liegt hier im Internetversandhandel begründet, aber auch in der Position des „Rascal“ als wichtigster Knotenpunkt des Weitervertriebs der Marke „Thor Steinar“ an andere Händler im gesamten Bundesgebiet.

///ANGST UM DEN „RENTNERSTANDORT“

Dass die Ladenbesitzer ernsthaft um ihren „ruhigen“ Standort bangen, zeigten sie mit ihrer angstmotivierten Anwesenheit bei der Auswertung der letzten Demonstration gegen Naziläden im Rothaus im Oktober 2006. Eine Vertreterin des „Rascal“, die den ebenso anwesenden Backstreetnoise-Besitzer Hendrik Lasch freundlich grüßte, beteuerte glaubhaft, dass sie kein „Nazi“ sei. Auch bestritt sie jeden Zusammenhang zwischen „Thor Steinar“ und der Neonaziszene. „Die tragen das halt, na und? Was kann isch´n da dafür?“ Ebenso wie bei Schneider, ist hier jedes weitere Wort zu viel. Vielleicht ein holpriges Bonmot: Hier können nur Gesetze helfen, oder die Zivilgesellschaft hilft beim Naziläden schleifen. Oder das Schönste: Mensch stelle sich vor, wir hätten Naziläden und keiner geht hin.

///DIE TRIVIALITÄT DES BÖSEN

Es zeigt sich also: Die Ladenbesitzer sind arme, kleine Ackermänner und keine bösen, neonazistischen Dämonen. Ihre Verantwortungslosigkeit und die der schlafmützigen Chemnitzer „Öffentlichkeit“ muss leider wie immer durch uns übernommen und ausgeglichen werden, wie armselig das auch immer aussehen mag. Die bis zur Unkenntlichkeit heruntergemorphte Erbmasse einer „Zivilgesellschaft“ der modernen Schrottstadt Chemnitz geht wieder einmal ins letzte Gefecht, den bedenkenlosen und darin tatsächlich auch dummen Charaktermasken des neonazistischen Kapitals, das Geschäft ein wenig zu vermiesen.

///UND DAS WAHRE BÖSE??

Die Unterscheidung mag nicht sonderlich relevant sein, aber in ihrer Eigenschaft als desinteressierte „Kaufmannsläden“ verhalten sich „Rascal“ und „Waffen-Army-Shoes“ zum Lasch´schen „Backstreetnoise“-Imperium, so wie „Lonsdale“ und „Everlast“ zu „Thor Steinar“. Denn bei den im Heckert-Gebiet ansässigen „Backstreetnoise“ und „PC-Records“ handelt es sich um unmittelbare Ausdünstungen aus den inneren Kreisen der klassisch gewaltbereiten Neonazi-Elite, die noch aus Karl-Marx-Städter Zeiten herrühren. Bei all dem Rummel um Schneider und seinen Innerstädtischen „Thor Steinar“-Shop, sollte nicht vergessen werden, dass da draußen ein ungleich gefährlicherer Bolide im blinden Winkel der öffentlichen Wahrnehmung lauert, der mit seinem Angebot aus grenzwertiger Herrenrassenmusik und offen bejahenden Verweisen auf das Dritte Reich in direkter Nachbarschaft zu einer Mittelschule richtig gute Geschäfte macht.

///ZUM VERGLEICH (AUCH WENN ES LANGSAM NERVT): LEIPZIG

Die von der Freien Presse angesprochene Demonstration von 2000 Menschen gegen das in der Leipziger Innenstadt angesiedelte „Tønsberg“ und die nicht nachlassenden Unruhen rund um den Laden in Form von Farbbeuteln, Steinen und besorgten Briefen an die Stadt, führten letztlich dazu, dass OB Burkhardt Jung verlautbarte, sich „persönlich“ dafür einzusetzen, dass der Mietvertrag zwischen „Tønsberg“ und einem privaten, also keine Rechenschaft schuldigenden Vermieter, aufgelöst würde. Frau OB Ludwig hingegen sagte auf einem öffentlichen Podium hinsichtlich des Umgangs mit dem ungleich gefährlicheren „Backstreetnoise“ angestrengt: „Das haben wir damals schon einmal probiert, doch es hat nichts gebracht. Aber wenn sie wollen, nehm ich´s noch mal mit.“, was soviel bedeutet wie: es regt sich niemand auf, also ist es egal. Zugegebenermaßen ist Lasch der Besitzer der Immobilie an der Dr. Salvador Allende Straße, was eine Intervention ungleich erschwert. Nichtsdestotrotz wurde in der Vergangenheit nicht entsprechend gehandelt und auch diesmal wird es schwer werden, ein institutionelles Einschreiten zu erwirken. Nur nach vernehmlichen Druck einer Gesellschaft, die sich nicht mit solchen Phänomenen abfinden mag, gehen die Politiker „in die Spur“, erfüllen mithin den „Wählerwillen“, der hier jedoch ein anderer zu sein scheint: Im Heckertgebiet wohnen 40 000 Hooligans.

///„NAZIS WEGBASSEN“

Wie gezeigt werden sollte, ist Schneider ein armseliges, deutsches Bockwürstchen, das nicht sehen will oder dem es schlicht egal ist, von welcher gefährlichen gesellschaftlichen Strömung es profitiert. Seine Wut an ihm als Menschen auszulassen, hieße, seinen eindimensionalen Charakter als „böse“ zu lesen. Der Umzug des „Waffen, Army & Shoes“ ist nur ein weiterer Anlass uns zu beschweren über Zustände, die nun schon seit mehreren Jahren hingenommen werden wollen, und nicht Auslöser unserer vehementen Kritik. In dieser Hinsicht haben wir auch keine „linke“ Lust mehr auf eine Demo im herkömmlichen Sinne von Betroffenheit, Schuldzuweisung und destruktiver Wut gegenüber den „Scheißnazis“ und der „Scheißgesellschaft“, auch und vor allem weil es uns langsam aufregt, die zwar selbstgewählte, anscheinend aber notwendige Rolle der ewigen Nörgler einzunehmen.
Nein, farbenfroh, laut, mit einem Herzen voller guter Musik möchten wir von der Straße aus dem Herrn Schneider und allen anderen Zuguckern ein schlechtes Gewissen einbassen. „Waffen-Army-Shoes“, „Rascal“ und wie sie alle heißen, mögen sich richtig schämen!

Mobimaterialien für die Demo gibt´s: hier!