It´s our part to remember and remind!

Den 71. Jahrestag der Reichspogromnacht haben wir zum Anlass genommen, die damaligen Geschehnisse in Annaberg und das aktuelle Gedenken dazu zu thematisieren und via Flyerverteilung darauf aufmerksam zu machen.

Vorab die Äußerung einer Bürgerin, die versehentlich zweimal einen Flyer bekommen hatte: „Sie sind doch von der Antifa, da bin ich ja nicht dafür. Wir feiern heute trotzdem.“

71 Jahre nach der Reichspogromnacht.

Vor 71 Jahren am 9. November 1938 wurden in Deutschland Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte und Wohnungen überfallen, geplündert und zerstört. Ungefähr 30.000 jüdische Männer wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt. In den Tagen der Novemberpogrome mussten über 400 Jüdinnen und Juden ihr Leben lassen. Der Nazi-Terror demütigte, missbrauchte und ermordete Millionen Jüdinnen und Juden, bis zu seiner Zerschlagung von außen.

Diese Pogrome vom 9. November 1938, die wir als Beginn der systematischen und rationalen Vernichtung der jüdischen Minderheit sehen, waren nicht nur das Werk vereinzelter Nazis. Ohne die aktive Beteiligung, Zustimmung, das Wegsehen oder/und Schweigen der Deutschen und ihrer europäischen Kollaborateure, wäre die Shoah nicht möglich gewesen.

9. November 1938 in Annaberg/B.

Verwüstete und in Brand gesetzte Geschäfte waren während der Pogromnacht 1938 in Annaberg die Folge. Die Synagoge auf der Buchholzer Straße wurde ebenfalls verwüstet und noch 1945 vor Kriegsende abgerissen.
Einzelne jüdische Familien Annabergs, wie die Cohns, wurden direkt von der Gestapo verhört und verhaftet. Der jüdische Zahnarzt Kaplan wurde in das KZ Buchenwald verschleppt. Der Friedhof der Israelitischen Religionsvereinigung zu Annaberg wurde geschändet und die dazu gehörige Feierhalle noch in der selben Nacht gesprengt. 1940 wurde der Friedhof dann endgültig eingeebnet.

Das jüdische Leben der Stadt Annaberg wurde wie in vielen anderen Ortschaften auch durch den Nationalsozialismus weitestgehend ausgelöscht. Schon 1933 rief der damalige Oberbürgermeister Dietze zu Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte auf. Der antijüdische und antisemitische Terror wurde solang weitergeführt bis die letzten Jüd_innen Annabergs deportiert waren. Zivilgesellschaftliche Engagement dagegen gab es im NS hier kaum, es war eher speziell antisemitisch, wenn die Deutschen sich engagierten.

Von wenig historischer Sensibilität zeugt der Fakt, dass sich der Naziladen „Phoenix“ heute seit mehr als 10 Jahren im selben Gebäude auf dem Schulberg 3 befindet, wo 1897 der erste Beetsaal der Israelitischen Religionsvereinigung zu Annaberg eingerichtet wurde. Auch hier gibt es kein wahrnehmbares zivilgesellschaftliches Engagement dagegen. Der Laden steht weiterhin in der Veralltäglichung für seine Kundschaft offen.

Der „Schicksalstag der Deutschen“

Der 9. November steht u. a. auch für Novemberrevolution, Hitler-Ludendorff-Putsch oder Mauerfall, letzteres aufgrund seines 20. Jahrestages brandaktuell im deutschen Gedenkdiskurs. Im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung war der 9. November 1989 zeitweilig auch als neuer Nationalfeiertag des (wieder)vereinigten Deutschlands in der Diskussion. Doch die Reichspogromnacht findet im derzeitigen Jubelrausch rund um den 9. November kaum Platz.
Ausgelassen wird das, was nicht zur Versöhnung passt. Eine kritische Reflektion Annaberger und Deutscher Beteiligung im NS muss somit ausbleiben, entfiele damit dann doch die Möglichkeit sich weiterhin positiv auf diese und die heutige Bevölkerung zu beziehen. Jedoch muss „Eine deutsche Nation, die im Jubelrausch eines der einschneidendsten Ereignisse der deutschen Geschichte, die Reichspogromnacht, an den Rand schiebt und praktisch zur Marginalie macht,(…)kritisiert werden…“!1

Fazit:Mitdenken statt mitjubeln! Für den kritischen Umgang mit deutscher Geschichte, denn dieser Frieden kotzt uns an.

In Erinnerung und Gedenken an Katzmann Inge, Katzmann Daniel, Katzmann Hilde, Richter Annie, Karger Ernst, Karger Ruth, Pick Lotte geb. Tuerk, Herzstein Erna geb. Jacoby, Neumark Paul, Cohn Bernd, Cohn Ruth, Gratz Lotte geb. Rosenbaum, Büchler Fritz, Büchler Hanna, Brandl Mathilde geb. Schidorsyk, Fröhlich Sara geb. Weissbach, Nathansohn Hans, Lange Samuel, Jost Herta, Meseritz Olga geb. Chanange, Neumark Kurt, Ruschin Elsa geb. Besser, Salinger Milda, Sielmann Paula, Aschner Bertha, Chanange Heinrich, Fischer Josef, Nordon Max, Nordon Lotte, Rosenstein Isaak, Rosenstein Hedwig Helene, Rosenstein Anni Charlotte, Kaplan Heinrich, Stern Walter, Stern Judith, Heide Siegfried, Werner Felix, Werner Betty geb. Heide und Rothschild geb. Heide und denen deren Schicksal ungeklärt ist.

Autonomen Antifa Westerzgebirge November 2009

  1. aus „Deutschland lieben“ der »Initiative Gegen Jeden Extremismusbegriff« (Inex) [zurück]