Archiv für Dezember 2009

Schneeberg, eine deutsche Stadt

Auf der Fahrt zum Asylsuchendenheim stoppten wir kurz im Zentrum. Dort befragten wir einige Bürger_innen zum vermeintlichen Brandanschlag auf das Heim und den mutmaßlichem rechten Hintergrund. Zwei ältere Herren mit Glühwein in der Hand antworteten uns eher skeptisch. Vom Brand haben sie nichts mitbekommen. Für solche Taten hätten sie kein Verständnis, jedoch findet einer der beiden, dass „90% der Asylanten hier nichts verloren haben“. Das schlimmste für ihn seien die „Russen“, welche mit ihren bis zu 30 Personen umfassenden „Rattenschwanz“ immigrieren.(sic!) Anschließend sprachen wir mit einer Frau. Diese hat ebenfalls nix vom Brand mitbekommen. Auch von einer rechten Szene in Schneeberg wusste sie nichts. ( Hier findet mensch weitere Aktivitäten in Schneeberg) Ihrer Meinung nach, müsste mensch doch die Deutschen verstehen, welche sich um ihre Arbeitsplätze fürchten, hinsichtlich der bevorzugten Beschäftigung billigerer arbeitenden Migrant_innen. Abwertend äußerte sie sich über eine „Zigeunerin“, die im Heim lebt und in der Region „bettelt“. Das wäre für „Zigeuner“ üblich. Nach ihren antiziganistischen Ressentiments erzählte sie uns noch das mensch sich „wieder zu deutschen Werten besinnen solle, sowie zu Nationalstolz und erhöhter Geburtenquote“.


die Schneeberger Bibliothek

Bevor wir zum Heim weiterfuhren, unterhielten wir uns vorerst noch mit einem älteren Herren. Dieser wusste ebenfalls nichts davon und verurteilt mutmaßliche rechte Taten wie diese zutiefst, da er noch die Schrecken des NS-Regimes in Erinnerung hat. Von einer rechten Szene Schneebergs weiß aber auch er nichts. Von dem NPD-Stadtrat wiederum wusste er. Jedoch nur Protestwähler_innen seien es gewesen, die zum Wahlerfolg der NPD geführt hätten. Wir fahren weiter Ort auswärts durch triste Plattenbauten. Am Heim angekommen sprachen wir zuerst mit einem Hausmeister. Dieser verwies uns darauf, dass er nichts ohne Genehmigung des Betreibers Beckert sagen dürfe. Er verstehe es nicht, dass so ein Russ gemacht werde, da lediglich „ein Blatt Papier brande“.

Hofansicht vom Heim
Hofansicht vom Heim
außer einem kleinen Sportplatz gibt es hier nicht viel mehr
viel mehr außer einem kleinen Sportplatz gibt es hier nicht

Auf dem Rückweg sprachen wir dann noch mit zwei Heimbewohnern an einer Bushaltestelle. Zum Brand selbst meinten die Beiden, dass es sich auch um einen Streich von Jugendlichen aus dem Heim handeln könnte. Anschliessend berichtete einer der beiden Bewohner noch vom Heimalltag. So leben etwa 130 Menschen zu je 5-6 Personen in einem Zimmer, was als einengend und menschenunwürdig empfunden wird. „Wie im Knast sei es.“ Im Heim besteht eine so genannte „Magazinversorgung“. Dies bedeutet, die Bewohner_innen erhalten 30 Euro für 6 Tage um sich im heimeigenen Magazin zu versorgen, dies jedoch nur an drei Tagen die Woche. 40 Euro „Taschengeld“ werden zusätzlich zur „freien Verfügung“ ausgezahlt. Wer sich nicht unterordnet, kann sich auf Kontroll-und Sanktionsmaßnahmen gefasst machen. Zudem bemängelte er, dass die Waren im Magazin deutlich teurer seien als im Discounter. Somit profitiert der Betreiber zusätzlich noch einmal durch die erhöhten Preise. Laut seinen Äusserungen gibt es pro Etage auch nur eine Küche, in der Mahlzeiten zubereitet werden können. Geduscht werden darf auch nur in beschränkten Zeiten: früh von acht bis zehn und abends von halb sieben bis um acht. Bis in die Stadt runter läuft mensch circa 30 Minuten. Unser Gesprächspartner muss seit 7 Jahren in diesem Heim leben und ist in Deutschland nur „geduldet“ und kann somit seinem im Irak ausgeübten Beruf nicht nachgehen. Durch seinen Status der Duldung kann er jederzeit abgeschoben werden. Dies macht ihm und auch seinen Mitbewohner_innen Angst und lässt sie in Ungewissheit verharren.

Leider bleibt an dieser Stelle unklar ob es sich beim Brand um einen Anschlag gehandelt hat bzw. was denn nun die genauen Ursachen dafür gewesen sind.
Unabhängig davon bleibt die deutsche restriktive Asylpolitik mit ihren fragwürdigen Unterbringungsmethoden für Migrant_innen weiterhin zu kritisieren. Wird mittels ihr doch staatlicher Rassismus geübt und verwendet sie Wege um die Bewohner_innen der „Unterkünfte“, selbst in ihrer prekären Lage, für kapitalistische Verwertungsprozesse zu missbrauchen.

Deutsche Leitkultur in Schneeberg und sonst wo zerschlagen!

Autonome Antifa Westerzgebirge Dezember 2009

Audiomitschnitt Kritik und Krise II – Gesellschaftskritik nach Auschwitz

Hier findet ihr den Audiomitschnitt des Vortrags Kritik und Krise II – Gesellschaftskritik nach Auschwitz von Martin Dornis. Die Datei ist auf einer externen Seite hochgeladen.

Viel Spaß beim Hören.

Kritik und Krise II – Gesellschaftskritik nach Auschwitz.mp3

Im 19. und 20. Jahrhundert zwangen die Entwicklungen der kapitalistischen Gesellschaft zu einer Neuformulierung der kritischen Theorie. Im deutschen Nationalsozialismus hatte sich bewiesen, dass die kapitalistische Gesellschaft an ihren Krisen nicht zwangsläufig scheitern muss, wie es Marx vermutet und gehofft hatte. Vielmehr kann es dazu kommen, dass sie sich durch antisemitischen Massenwahn und unter Regie eines autoritären Staates gewaltförmig zusammenhält. Die Krise, die laut Marx die kapitalistische Gesellschaft auseinander treiben würde, wird dabei zu dem, was sie allein noch zusammenhält. Die Ideologie, insbesondere der Antisemitismus, kann nicht mehr als Ergebnis der Gesellschaft beschrieben werden. Vielmehr wird er selbst zum Grund, aus dem die Gesellschaft noch existiert: Das nazifaschistische Deutschland muss als ein „Produktionsverhältnis des Todes“ (isf) beschrieben werden. Im Moment des krisenhaften Zerbrechens der kapitalistischen Gesellschaft wurde in Deutschland der gesellschaftliche Zusammenhalt durch Massenmord gestiftet. Dies erzwingt eine völlig neue Art von Gesellschaftskritik mit veränderter Perspektive: Die Gesellschaft so einzurichten, dass sich derartiges nicht wiederholt.

Kritik und Krise : Veranstaltungsreihe in Freiberg

Im Dezember lädt die alternative Stadtzeitung FreibÄrger zu zwei Vortragsveranstaltungen in die neuen Räumlichkeiten des soziokulturellen Vereins Roter-Weg e.V. ein. Die Referate sind der Auftakt zu regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen, die eine Einführung in verschiedene gesellschaftskritische Themen leisten sollen.

10.12.09 – 19 Uhr – Roter Weg 43 – Freiberg
Kritische Theorie – Kritik und Krise I:

Die marxsche Gesellschaftskritik: “alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Der Vortrag führt in grundlegende Begriffe und Zusammenhänge der Marxschen Theorie ein: Gesellschaft, Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Fetisch, Ideologie, Reichtum, Wert, Ware, Geld, Kapital, Arbeit, Profit, Klassen. Was ist die kapitalistische Gesellschaft? Wie stellt sich ihr Zusammenhalt her und was treibt sie auseinander? Wie hängen in ihr Denken und Handeln zusammen? Wir verhalten sich Individuum und Gesellschaft: Ist die kapitalistische Produktionsweise von einzelnen Menschen gemacht oder eine ihnen vorausgesetzte objektive Struktur? Oder keines von beiden? Welche Rolle spielen die Krisen und warum treten sie auf? Warum waren sie Marx ein entscheidender Grund zur Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft? Ist diese eine historische Errungenschaft? Oder ist sie rücksichtslos zu kritisieren? Oder beides? Was hat es mit der freien Entfaltung aller Individuen und der Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch diese – frei zusammengeschlossenen – Individuen auf sich?

Referent: Martin Dornis (freier Autor, Mitglied im Leipziger Bündnis gegen Antisemitismus)

17.12.09 – 19 Uhr – Roter Weg 43 – Freiberg
Kritische Theorie – Kritik und Krise II:

Gesellschaftskritik nach Auschwitz: „…dass… nichts ähnliches geschehe“ (Adorno)

Im 19. und 20. Jahrhundert zwangen die Entwicklungen der kapitalistischen Gesellschaft zu einer Neuformulierung der kritischen Theorie. Im deutschen Nationalsozialismus hatte sich bewiesen, dass die kapitalistische Gesellschaft an ihren Krisen nicht zwangsläufig scheitern muss, wie es Marx vermutet und gehofft hatte. Vielmehr kann es dazu kommen, dass sie sich durch antisemitischen Massenwahn und unter Regie eines autoritären Staates gewaltförmig zusammenhält. Die Krise, die laut Marx die kapitalistische Gesellschaft auseinander treiben würde, wird dabei zu dem, was sie allein noch zusammenhält. Die Ideologie, insbesondere der Antisemitismus, kann nicht mehr als Ergebnis der Gesellschaft beschrieben werden. Vielmehr wird er selbst zum Grund, aus dem die Gesellschaft noch existiert: Das nazifaschistische Deutschland muss als ein „Produktionsverhältnis des Todes“ (isf) beschrieben werden. Im Moment des krisenhaften Zerbrechens der kapitalistischen Gesellschaft wurde in Deutschland der gesellschaftliche Zusammenhalt durch Massenmord gestiftet. Dies erzwingt eine völlig neue Art von Gesellschaftskritik mit veränderter Perspektive: Die Gesellschaft so einzurichten, dass sich derartiges nicht wiederholt.

Referent: Martin Dornis (freier Autor, Mitglied im Leipziger Bündnis gegen Antisemitismus)

Ermöglicht werden die Veranstaltungen durch die freundliche Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Wie immer gilt: Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die neonazistischen bzw. rechten Parteien oder Organisationen angehören, der neonazistischen bzw. rechten Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.