Versöhnung? Nein Danke!*

Anlässlich des 72. Jahrestages der Reichspogromnacht

Die Vernichtung des jüdischen Lebens #1

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es auch in Annaberg zu zahlreichen Beschlüssen, die zur Verfolgung der Jüdinnen und Juden dienten. Es waren nicht nur vereinzelte Nazis, die die Vernichtung des Judentums forderten – nein, auch ganz normale Deutsche, „Hitlers willige Vollstrecker“. Bereits bei ersten Aufmärschen skandierten sie „Juda verrecke“. Am 1. April 1933 rief der damalige Bürgermeister Dietze zu den ersten Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte auf. Die örtliche SA ließ sich etwas besonders perfides einfallen: Jede/r Kunde/in, der/die in einem der jüdischen Läden einkaufte, erhielt einen Stempel in das Gesicht gedrückt, auf dem zu lesen war: „Wir Verräter kauften bei Juden!“ Eine Woche später wurden dann die Jüdinnen und Juden aus den Ämtern entfernt. Wenige Tage später, am 22. April, folgte die Ausschließung „nichtarischer“ Ärzte. Von Januar 1934 bis Oktober 1938 folgten weitere Maßnahmen wie der Aufdruck „J“ im Reisepass, um die Jüdinnen und Juden aus der Volksgemeinschaft auszuschließen. Zwischen dem 27. und 29. Oktober 1939 wurden Jüdinnen und Juden, die in Polen geboren wurden, jedoch in Annaberg lebten, gewaltsam nach Polen abgeschoben.

Die Pogromnacht in Annaberg

In der Nacht vom 9. auf den 10. November zerstörten und verwüsteten die Nationalsozialisten jüdische Geschäfte sowie die Synagoge auf der Buchholzer Straße. Der Terror ging darüber hinaus weiter. Einzelne Jüdinnen und Juden wurden von der Gestapo verhaftet und verhört. Der jüdische Zahnarzt Kaplan wurde in das KZ Buchenwald verschleppt. Die Grabsteine des Friedhofs der „Israelitischen Religionsvereinigung zu Annaberg“ wurden umgestürzt und zerschlagen. Die dazu gehörige Feierhalle wurde wenige Stunden später – am Sonntagmorgen – gesprengt. Für Dietze und seine Helfer war die Pogromnacht ein willkommener Anlass, um endlich weitere Spuren jüdischen Lebens in Annaberg zu vernichten. Mitte Februar 1938 forderte Dietze die Beendigung der Beisetzung weiterer verstorbener Jüdinnen und Juden. Grund dafür war die angeblich geplante bauliche Erweiterung des Stadtgebiets. Zudem machte er es zur Bedingung „daß ein neuer israelitischer Friedhof innerhalb des Stadtgebiets Annabergs nicht entstehen darf“. Die jüdische Gemeinde wehrte sich dagegen und Dietze schrieb in antisemitischer Manier ins Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda: „Es geht doch im Dritten Reich nicht an, daß ein Gastvolk mehr Rechte beansprucht oder genießt, wie das eigene Volk.“ Dietze und seinem helfenden Mob (BürgerInnen Annabergs, welche bereitwillig an der Zerstörung des Friedhofes teilnahmen) interessierte weder die Tatsache, dass der Friedhof Eigentum der jüdischen Gemeinde war, noch die jüdischen Religionsgesetze, die die Unberührtheit der Gräber für alle Zeit fordern. Nachdem am 4. April 1940 durch einen erzwungenen „Vertrag“ das Gelände des Friedhofs kostenlos Eigentum der Stadt wurde, konnte dieser dann endgültig eingeebnet werden.

Die Vernichtung des jüdischen Lebens #2

Von einem Widerstand in Annaberg gegen den antijüdischen und antisemitischen Terror ist nichts bekannt. Wenn sich die Deutschen engagierten, dann war dies speziell antisemitisch, profitierten sie doch davon. Denn durch die Repressionen der Nazis oder die Flucht einzelner Jüdinnen und Juden wurden bis Ende 1938 alle jüdischen Geschäfte und Betriebe „arisiert“ oder gewaltsam liquidiert.
Es wurde noch weitere Maßnahmen gegen die jüdische Gemeinde Annabergs ergriffen. Am 1. September 1941 folgte die Kenzeichnungspflicht mit einem gelben Stern; wenige Tage später das Verbot zur Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel durch Jüdinnen und Juden. Danach folgte für sie im Oktober des gleichen Jahres die Zwangsarbeit. Im Dezember 1942 mussten Wollsachen und Pelzmäntel abgegeben werden. Bis 1945 kam es zu Deportationen der verbliebenen Jüdinnen und Juden in die Konzentrations -und Vernichtungslager. Mindestens 14 von ihnen kamen in der Hölle von Auschwitz ums Leben.

Und heute?

Fakt bleibt weiterhin, dass sich der Naziladen „Phoenix“ nach wie vor im selben Gebäude auf dem Schulberg 3 befindet, wo 1897 der erste Betsaal der „Israelitischen Religionsvereinigung zu Annaberg“ eingerichtet wurde. Im August diesen Jahres wurde der Gedenkstein, der an den jüdischen Friedhof der „Israelitischen Religionsvereinigung zu Annaberg“ erinnern soll von Unbekannten geschändet. Am Morgen des 5. August fand ein Passant den Gedenkstein mit Bauschaum besprüht vor. In der Nacht vom 23. auf den 24. August wurde er erneut beschädigt. Diesmal übersprühten ihn die TäterInnen mit schwarzer Farbe. Wir verurteilen die versuchten Zerstörungen an die Erinnerung der antisemitischen Gräueltaten in Annaberg-Buchholz, die Teil der Shoah sind, zutiefst. Ebenso auch das Schweigen der Stadt getreu dem Motto: „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“. Der 9. November 1938 war Höhepunkt in der systematischen und Auftakt zur industriellen Vernichtung von Millionen Jüdinnen und Juden in ganz Europa. Wir möchten hiermit auf das Leid der Jüdischen Gemeinde Annabergs im NS aufmerksam machen sowie den Opfern der Reichspogromnacht gedenken.
Anstatt einer kritischen Reflektion und Aufarbeitung über die Gesellschaft nachzugehen, welche nationalistisch, rassistisch und antisemitisch verfasst war, dementsprechend handelte und/oder dies zumindest billigte, heißt stattdessen das Schlagwort der hiesigen Schlussstrichgesellschaft „Versöhnung“. Mit dieser zu brechen, ist die einzige und logische Konsequenz.

Der kategorische Imperativ heißt somit: „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“

*Kein Friede dem Antisemitismus!

Der Flyer zum downloaden.

Autonome Antifa Westerzgebirge November 2010